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"Wenn Tattenbach kommt ..." *
NOTIZEN ZUR GESCHICHTE DES NEUEN OMEGA-HAUSES
Am 1. September 2005 ist die OMEGA Gesundheitsstelle Graz von der Granatengasse
2 in das ehemalige "Tattenbachische-Haus" in der Albert-Schweitzer-Gasse
22, 8020 Graz, umgezogen. Das rund 400 Jahre alte, architektonisch herausragende
und daher unter Denkmalschutz stehende zweigeschossige Barock-Wohngebäude
im Bezirk Gries blickt auf eine sehr bewegte Geschichte zurück, in der
es mehrmals Ausgestoßenen der Gesellschaft als Zufluchtstätte und Herberge
offen stand.
Das Anwesen in der Armenhausgasse Nr. 508, ursprünglich unter der Jurisdiktion
der Stift Admont’schen Herrschaft St. Martin stehend (Amt "Garttenstükh"), war im
17. Jahrhundert Adelssitz der Grafen von Tattenbach. Nachdem Johann Erasmus
von Tattenbach-Reinstein, geboren am 3. Februar 1631, mit den Grafen Zrinyi,
Frangepani, Nádasdy, Thurn und anderen der sogenannten Magnatenverschwörung
gegen Kaiser Leopold I. angeklagt und verurteilt wurde, fand am 1. Dezember
1671 im großen Saal des Grazer Rathauses seine öffentliche Hinrichtung statt
– zahlreiche Gnadengesuche hatten nichts bewirkt. Zynischerweise hatte ihm der
Kaiser das Abhacken der rechten Hand noch vor der Vollstreckung des Todesurteils
erlassen; und der Scharfrichter tat seine Arbeit so schlecht, dass das Haupt
des Delinquenten erst nach dem dritten Schwertschlag fiel. Alle Güter Tattenbachs
wurden konfisziert, er wurde seiner Ehre verlustig gesprochen. Die wieder
aufgegriffene Benennung "Tattenbach-Haus" ist daher auch ein Mahnruf gegen
Folter und Todesstrafe.
Zwischen 1677 und 1868 wechselte das Haus neun Mal die Besitzer. Nach dem
Namen einer der letzten Privateigentümer "Schrotthof" genannt (dies blieb bis
ins 20. Jahrhundert die gängige Bezeichnung für das Gut), fiel dieser Anfang
der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts einer langsamen Verwahrlosung anheim.
"Dunkle Elemente hausten in den Mauern des reizenden alten Herrschaftshauses:
Dirnen und Messerhelden, die das Tageslicht zu scheuen hatten." (Aus dem "Grazer
Schreib-Kalender für Haus und Kontor 1925").
1883 wurde die Stadtgemeinde Graz Liegenschaftseigentümer. Zunächst an
Privatleute verpachtet, diente das ehemalige Wohngebäude nach dem verheerenden
Ausbruch der Pocken in Graz (1890) als städtisches Isolierspital. Nach
der Eindämmung der Blatternepidemie stand das Haus wieder sieben Jahre leer,
um schließlich 1924 als Wohnstätte für verarmte Grazerinnen und Grazer ("Städtisches
Bürger-Heim") seine Tore zu öffnen. 1981-1999 nahm im ehemaligen
Tattenbach’schen Domizil das erste Frauenhaus der Steiermark Quartier, anschließend
war es eine Zeit lang Büro für das "Streetwork" des Grazer Amts für Jugend
und Familie.
Ganz in dieser humanen und sozialen Tradition des Hauses möchte das
OMEGA-Team durch die Neubelebung der schönen Räumlichkeiten und
des Gartens dieses städtebauliche Juwel zum Wohle seiner Zielgruppe nutzen,
und es somit als das bewahren, was es so viele Jahre lang bereits war:
Ein (be)schützender Raum für gesellschaftliche Randgruppen.
* Anspielung auf den Film "Wenn Kattelbach
kommt" (Originaltitel: "Cul de Sac"), Regie: Roman
Polanski, GB 1966; Inhalt: Zwei geflohene Verbrecher
dringen in die Einsamkeit eines nordenglischen
Inselschlosses ein, das von einem biederen
Ehepaar bewohnt wird. Während man vergeblich
auf das Eintreffen des Gangsterbosses Kattelbach
wartet, entspinnt sich ein makabres Spiel um Macht
und Abhängigkeit, bis der Hausherr den Terror eher
zufällig mit einem Gewaltakt beendet. Der Film bietet
eine bitterböse Parabel auf die Kommunikationsstörungen
der bürgerlichen Gesellschaft und
ihrer Disposition zur Gewalt (aus: http://on1.zkm.de/zkm/z_kinomittwoch/07_0802).
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