OMEGA - Gesundheitsstelle/Health Care Center Graz

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ÜBER OMEGA

"Wenn Tattenbach kommt ..."*

Notizen zur Geschichte des neuen OMEGA-Hauses

von Michael Reichmayr

Mit 1. September 2005 ist der Verein OMEGA von der Granatengasse 2 in das ehemalige "Tattenbachische-Haus" in der Albert-Schweitzer-Gasse 22, 8020 Graz, umgezogen. Das rund 400 Jahre alte, architektonisch herausragende und daher unter Denkmalschutz stehende zweigeschossige Barock-Wohngebäude im Bezirk Gries blickt auf eine sehr bewegte Geschichte zurück, in der es mehrmals Ausgestoßenen der Gesellschaft als Zufluchtstätte und Herberge offen stand.

Das Anwesen in der Armenhausgasse Nr. 508**, ursprünglich unter der Jurisdiktion der Stift Admont'schen Herrschaft St. Martin stehend (Amt "Garttenstükh"), war im 17. Jahrhundert Adelssitz der Grafen von Tattenbach. Nachdem Johann Erasmus von Tattenbach-Reinstein, geboren am 3. Februar 1631, mit den Grafen Zrinyi, Frangepani, Nádasdy, Thurn und anderen der sogenannten Magnatenverschwörung gegen Kaiser Leopold I. angeklagt und verurteilt wurde, fand am 1. Dezember 1671 im großen Saal des Grazer Rathauses seine öffentliche Hinrichtung statt - zahlreiche Gnadengesuche hatten nichts bewirkt. Zynischerweise hatte ihm der Kaiser das Abhacken der rechten Hand noch vor der Vollstreckung des Todesurteils erlassen; und der Scharfrichter tat seine Arbeit so schlecht, dass das Haupt des Delinquenten erst nach dem dritten Schwertschlag fiel. Alle Güter Tattenbachs wurden konfisziert, er wurde seiner Ehre verlustig gesprochen. Die wieder aufgegriffene Benennung "Tattenbach-Haus" ist daher auch ein Mahnruf gegen Folter und Todesstrafe. Zwischen 1677 und 1868 wechselte das Haus neun Mal die Besitzer. Nach dem Namen einer der letzten Privateigentümer "Schrotthof" genannt (dies war dann bis ins 20. Jahrhundert die gängige Bezeichnung für das Gut), fiel dieser Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts einer langsamen Verwahrlosung anheim. Dunkle Elemente hausten in den Mauern des reizenden alten Herrschaftshauses: Dirnen und Messerhelden, die das Tageslicht zu scheuen hatten. (aus dem "Grazer Schreib-Kalender für Haus und Kontor 1925").

1883 wurde die Stadtgemeinde Graz Liegenschaftseigentümer. Zunächst an Privatleute verpachtet, diente das ehemalige Wohngebäude nach dem verheerenden Ausbruch der Pocken in Graz (1890) als städtisches Isolierspital. Nach der Eindämmung der Blatternepidemie stand das Haus wieder 7 Jahre leer, um schließlich 1924 als Wohnstätte für verarmte Grazerinnen und Grazer ("Städtisches Bürger- Heim") seine Tore zu öffnen. 1981 - 1999 hat im ehemals Tattenbach'schen Domizil das erste Frauenhaus der Steiermark Quartier genommen, anschließend war es eine Zeit lang Büro für das "Streetwork" des Grazer Amts für Jugend und Familie.

Ganz in dieser humanen und sozialen Tradition des Hauses möchte das OMEGA-Team durch die Neubelebung der schönen Räumlichkeiten und des Gartens dieses städtebauliche Juwel zum Wohle seiner Zielgruppe nutzen, und es somit als das bewahren, was es so viele Jahre lang bereits war:
Ein (be)schützender Raum für gesellschaftliche Randgruppen.

* Anspielung auf den Film "Wenn Kattelbach kommt" (Originaltitel: "Cul de Sac"), Regie: Roman Polanski, GB 1966; Inhalt: Zwei geflohene Verbrecher dringen in die Einsamkeit eines nordenglischen Inselschlosses ein, das von einem biederen Ehepaar bewohnt wird. Während man vergeblich auf das Eintreffen des Gangsterbosses Kattelbach wartet, entspinnt sich ein makabres Spiel um Macht und Abhängigkeit, bis der Hausherr den Terror eher zufällig mit einem Gewaltakt beendet. Der Film bietet eine bitterböse Parabel auf die Kommunikationsstörungen der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Disposition zur Gewalt (aus: http://on1.zkm.de/zkm/z_kinomittwoch/07_0802).

** Die Straßennamen in zeitlicher Reihenfolge: Karlauer Landstraße oder Kühgasse (bis 1725); Armenhausgasse (bis 1930); Altersheimgasse (bis 1965); seither Albert-Schweitzer-Gasse (letztere nach dem Arzt, Theologen, Musiker und Philosophen Albert Schweitzer, geb. 14. 12. 1875 Kaysersberg bei Colmar/Oberelsass, gest. 1965 Lambaréné, Gabun; Friedensnobelpreisträger 1952; Gründer und langjähriger Leiter des Tropenspitals in Lambaréné). Haus- bzw. Ordnungsnummern des Hauses Altersheimgasse 16 und 22: 508; 921; 950 (ab 1813); 1013/14 (1838); 1089/90 (1852); 14 und 16.